Weihnachtsandacht 2008

Zu den bekannten biblischen Texten im Advent und an Weihnachten gehört die Ankündigung der Geburt Jesu, wie sie im Evangelium nach Lukas überliefert ist. Der Engel kommt zu Maria und erklärt ihr, dass sie ein Kind bekommen wird: Du wirst schwanger werden und eine Sohn gebären, den sollst du Jesus nennen.
Dann der Disput mit dem Engel darüber, dass da kein Mann mit im Spiel ist. Die Hinweise auf die Hoheitstitel, die diesem Kind zukommen: Sohn Davids, König über das Haus Jakob, Gottessohn. Und dann wird erzählt, wie sich Maria und Elisabeth, die Mutter von Johannes dem Täufer, begegnen. Und zu dieser Begegnung gehört der Lobgesang der Maria, das Magnifikat, in dem es von Gott heißt: Er zerstreut die Hoffärtigen  - oder anschaulicher übersetzt: Er fegt die Hochmütigen mit ihren stolzen Plänen weg. Er stürzt die Herrscher, die Unterdrückten richtet er auf. Die Hungrigen beschenkt er mit Gütern.

Eine wohltuende Weihnachtsbotschaft ist das am Anfang des Lukasevangeliums. Eine wohltuende Botschaft für die, die auf mehr Gerechtigkeit hoffen. Zugleich lassen diese Sätze uns spüren, wie sehr sich die Ungerechtigkeit festgefressen hat in unserer Welt. Der Hunger in unserer Welt ist noch lange nicht zu Ende. Armut bleibt ein Thema – insbesondere für Kinder in unserem Land. Bilder von Gewalt lassen uns erschrecken: Gewalt in Familien, Gewalt zwischen Staaten, Gewalt, die in den Strukturen unseres weltweiten Wirtschaftens steckt. – Die Erinnerung daran gehört zur Ankündigung der Geburt Jesu im Lukasevangelium.

Aber es gibt noch eine zweite Ankündigung der Geburt Jesu in unserer Bibel. Sie steht im ersten Kapitel des Matthäusevangeliums und richtet sich an Josef. Ihr voraus geht ein langer Stammbaum von Abraham bis David und von David bis Josef. Nun gut, dieser Stammbaum hat einige Besonderheiten gegenüber älteren Vorlagen. Einige Mütter werden mit genannt: Tamar und Rahab – dazu noch die Mutter des Salomo, deren Name mit einer tödlichen Intrige des Königs David verbunden ist. Die Frau des Uria, den David in den Tod schickte. Außerdem werden die Generationen vor der großen Flut, mit der Gott die Bosheit der Menschen vernichten wollte, und die Generationen nach dieser Flut gezählt. Also ein Stammbaum, der auch Schattenseiten der Familien und Menschheitsgeschichte mit nennt. Und darauf folgen bei Matthäus diese Verse:

Und so wurde Jesus Christus geboren: Seine Mutter Maria war mit Josef verlobt. Noch vor der Ehe erwartete Maria - durch den Heiligen Geist - ein Kind. Josef wollte nach Gottes Geboten handeln, aber auch Maria nicht öffentlich bloßstellen. So überlegte er, die Verlobung stillschweigend aufzulösen. Noch während er nachdachte, erschien ihm im Traum ein Engel Gottes und sagte: "Josef, du Nachkomme Davids, zögere nicht, Maria zu heiraten! Denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn bekommen, den sollst du Jesus nennen. Denn er wird die Menschen seines Volkes von ihren Sünden befreien." Dies alles geschah, damit sich erfüllte, was der Herr durch seinen Propheten vorhergesagt hatte: "Eine Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn bekommen. Den wird man Immanuel nennen." Das bedeutet: "Gott ist mit uns!" Als Josef erwachte, tat er, was ihm der Engel befohlen hatte, und heiratete Maria. Er schlief aber nicht mit ihr bis zur Geburt ihres Sohnes. Josef gab ihm den Namen Jesus.

Die Verlegenheit des Josef ist offenkundig: Auf der einen Seite der Stammbaum, der ihn in die väterliche Linie zu David und Abraham stellt. Auf der anderen Seite die schwangere Jungfrau und damit verbunden das klare Signal: du bist nicht der leibliche Vater. Du hast keine patriarchalen Rechte an diesem Kind. Der Stammbaum unterstreicht, dass Josef und damit Jesus von David abstammen – aber er ist nicht der leibliche Vater. So wie Matthäus erzählt ist Josef eingeklemmt in einer „Ehrensache“ mit einer schwangeren Verlobten, von der er nicht weiß, woher sie das Kind hat. Josef ist gefordert, um das zu klären – öffentlich oder indem er sie heimlich verlässt.

Aber wie der ganze Erzählzusammenhang bei Matthäus schon ahnen lässt: Es geht um mehr, als um die „Ehrensache“ eines gehörnten Verlobten. Wie war das nun mit diesem Kind? Ein wirklicher Mensch? Ein wirklicher Gott? Ein göttlicher und ein menschlicher Anteil? Göttliche und menschliche Natur ungetrennt und unvermischt – wie dieser Widerspruch später auf eine dogmatische Formel gebracht wurde.

Irgendwie sieht es in der Erzählung des Matthäus so aus, als hinge hier diese elementare Frage christlichen Glaubens an dem Verhältnis des Josef zu Jesus. Und er muss das klären! Er muss für sich einen Weg finden, mit diesen Spannungen klar zu kommen. Er muss klären, wie er mit dieser „Ehrensache“ einer schwangeren Verlobten und mit dem Hinweis, dass in diesem Kind Gott zur Welt kommt, umgehen will. Er muss sein Verhältnis zu Maria klären. Er muss das Verhältnis zu „seinem Sohn“ klären. Was so etwas heißen kann –nicht nur für Josef - zeigt  ein Text von Khalil Gibran. Er schrieb:

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen.
Denn ihre Seelen wohnen in dem Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.

Josef musste sein Verhältnis zu diesem Kind klären. Er nimmt die Vaterrolle ohne jede patriarchale Anmaßung und Überheblichkeit an. Er flüchtet nicht heimlich, sondern geht in die Verantwortung.

In dieser Erzählung von Josef und „seinem“ Sohn bekommen Hoffärtigkeit und patriarchaler Hochmut einen Knacks. Und dieser Knacks ist eine ‚Chance für die Liebe. Dieser Knacks ist eine Chance für die Barmherzigkeit. Nicht nur bei Josef. Dieser Knacks ist die Chance für Barmherzigkeit, die Fürsorge nicht nur nach Blutsverwandtschaft, nach Zugehörigkeit zu Familie, Klasse oder Volk zuteilt. Jesus klärt sein Verhältnis zu diesem Kind, ist ihm ein Vater in Verantwortung und Fürsorge. Damit setzt er Maßstäbe. Und wenn an Weihnachten wieder einmal bewusst wird, dass der Unfriede nicht aufhört, dass der Hunger der Menschen noch nicht gestillt ist, dann sucht unter den Krippenfiguren nach dem Josef, dem Gegenbild des Hochmuts. Und wenn an Weihnachten wieder die Familiensysteme aufeinander schlagen und die Nähte im Familienpatchwork  krachen dann sucht unter den Krippenfiguren den Josef, dessen Liebe stärker ist als Stammbäume. Indem er das Kind annimmt, für es sorgt und gleichzeitig seine Würde respektiert ist er für mich ein ganz starker Hinweis auf die Liebe, die uns an Weihnachten berührt, und die Hoffnung, die uns seit Weihnachten trägt.

Dieter Rothardt