Predigt zum Jahresthema 2008/2009 "... uns soll nicht aufhören Saat und Ernte - Männer im Spannungsfeld von Ökonomie, Ökologie und Technik"

Von Fluterzählungen hören wir immer wieder. Tsunami – dieses Wort haben wir in den vergangenen Jahren gelernt. Erdbeben, die Flutwellen zur Folge haben. Stürme mit ungewöhnlich heftigem und andauernden Regen, der ganze Landstriche verwüstet. Katrina und Kyrill. Zuletzt die Katastrophe in Birma.

Unsere Erde lebt in einem empfindlichen Gleichgewicht. Davon wussten schon die Biblischen Erzählungen von der Schöpfung. Den Wassermassen wird eine Grenze gesetzt und fruchtbares Land freigelegt. Das Leben folgt dem Rhythmus der Zeit. Sonne und Mond teilen diesen Rhythmus ein.

Das Leben auf unserem Stern ist möglich durch diese Balance der Schöpfung in Zeit und Raum. Gelegentlich bekommen wir eine Ahnung davon, dass schon kleine Störungen verheerende Folgen haben können. Schon „normale“ Sommergewitter zeigen uns, welche Kräfte da Wirken. Eine normale „Störung“, ein kleiner Bogen auf der Wetterkarte, versetzt die, die drin stecken in Angst. Unterschiedliche Luftmassen treffen aufeinander. Die Turbolenzen entladen sich in Blitz und Donner. Ein Naturereignis.

Aber längst sind wir da nicht mehr so ganz sicher. Naturereignis? Wir wissen, dass sich der Mensch eingemischt hat in das Gleichgewicht der Schöpfung. Er brauchte Holz zum Bauen und für den Ofen und ganze Landstriche wurden abgeholzt – schon vor vielen hundert Jahren. Dampfmaschine und Dynamo wurden erfunden und die Technik entwickelte sich in den letzten zweihundert Jahren rasant. Kohle, Öl und Erdgas lieferten und Liefern die Energie für Kraftwerke, Flugzeuge und Autos. 300 Millionen Jahre ist es her, dass die Pflanzen wuchsen, aus denen die Kohle entstand – in tausenden und abertausenden von Sommern und Wintern auf dieser Erde. Überlagert von anderem Gesteinen. Zu Tage geholt und verbrannt in wenigen Jahrzehnten. Dadurch stieg der Anteil von Kohlendioxid in unserer Atmosphäre. CO2 – ein ganz normaler Baustein im Kreislauf unseres Lebens. Aber zu viel davon bringt unser Klima aus dem Gleichgewicht.

Aber nicht nur beim CO2 und dem Klimawandel, auch bei vielen anderen Themen und Entwicklungen Fragen wir uns: Was sind ganz normale „Störungen“, die zum Alltag der Schöpfung gehören – und wo hat der Mensch, wo haben wir zu tief eingegriffen in das Gleichgewicht der Schöpfung? Wo tragen die Menschen die Verantwortung für riskante Entwicklungen, vor deren Folgen wir uns fürchten müssen. Atomkraft und Gentechnik sind ja nur Stichworte für aktuelle Ängste. Dahinter stehen ja komplexe Sachverhalte und Fachdebatten über Folgenabschätzungen und die dazu gehörige wirtschaftliche und politische Verantwortung. Die jüngste Debatte um den Einsatz von Biokraftstoffen hat uns ja Wechselwirkung der unterschiedlichen Faktoren vor Augen geführt. Kraftstoff aus nachwachsenden Rohstoffen sind positiv für die CO2 – Bilanz. Bei den Mengen, die gebracht würden, um bei der derzeitigen Art unseres Wirtschaftens spürbare Effekte zu erzielen, stellen sich aber unerwünschte Effekte ein. Unser Spritverbrauch kommt n Konkurrenz zur Produktion von Nahrungsmitteln. Mit bedenklichen Folgen im globalen Maßstab.

Dieses ist ja nur ein Beispiel dafür, wie eng technische, wirtschaftliche und soziale Aspekte im Umgang mit der Schöpfung zusammenhängen. Nicht nur bei auffallen Klimaereignissen müssen wir uns fragen: Was ist die Verantwortung der Menschen. Dieses gilt insbesondere auch für die ökonomischen, politischen und sozialen Katastrophen. Wirtschaftliche Zusammenbrüche, die Tausende von Menschen Arm machen. Bürgerkrieg und systematischer Mord an ganzen Bevölkerungsgruppen. Hunger, der täglich Tausende von Menschen umbringt. Naturereignisse? Normale Störungen im Alltag der Schöpfung? Keinesfalls.

„Als aber der HERR sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, 6 da reute es ihn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen 7 und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis hin zum Vieh und bis zum Gewürm und bis zu den Vögeln unter dem Himmel; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe.“ – So beginnt  die Erzählung von der Großen Flut im 6. Kapitel des ersten Buchs unserer Bibel.

Gott zeigt Gefühle. Er ist sauer über das, was die Menschen aus seiner Schöpfung gemacht haben. Er will einen Schlusstrich ziehen. Man glaubt zu verstehen, denn die Nachrichten von damals waren wohl ähnlich unserer Tagesschau heute. Das böse Trachten der Menschen mit seinen Katastrophalen Folgen im großen und im kleinen. Schluss damit! – Gleichzeitig erschreckt mich dieser Zorn Gottes und sein Entschluss: alles vertilgen! Kein rettendes Boot in Sicht außer für Noah. Er baut einen Kasten, eher eine Rettungskapsel als ein Boot und überlebt. Und mit ihm die Vielfalt der Tiere und Pflanzen. Leben beginnt neu. Noah baut einen Altar und opfert zum Dank für sein Überleben. Und als Gott das Opfer des Noah riecht, zeigt er erneut Gefühl: Das will ich nicht noch einmal tun!

„Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. 22 Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“

Die Menschen scheinen nicht besser geworden zu sein nach der großen Flut. Und trotzdem will Gott sie nicht noch einmal vernichten. Er verspricht es.

„Und ich richte meinen Bund so mit euch auf, dass hinfort nicht mehr alles Fleisch verderbt werden soll durch die Wasser der Sintflut und hinfort keine Sintflut mehr kommen soll, die die Erde verderbe. 12 Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: 13 Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. 14 Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. 15 Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe. 16 Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist. 17 Und Gott sagte zu Noah: Das sei das Zeichen des Bundes, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Fleisch auf Erden.“ (Gen 9)
Ein starkes Bild. Der Regenbogen. Zu diesem Bund Gottes gehören Gebote. Gebote gegen das Blutvergießen. Im Blut ist das Leben. Speisegebote, die uns alt und fremd vorkommen. Die Unterscheidung von reinen und unreinen Tieren. Aber diese Gebote setzen dem Umgang mit der Schöpfung Grenzen. Und diese Grenze ist der Respekt vor dem Leben. Die Welt wird nicht besser durch das Töten.

Die Faulen werden geschlachtet,
die Welt wird fleißig.

Die Häßlichen werden geschlachtet,
die Welt wird schön.

Die Narren werden geschlachtet.
die Welt wird weise.

Die Kranken werden geschlachtet,
die Welt wird gesund.

Die Alten werden geschlachtet,
die Welt wird jung.

Die Traurigen werden geschlachtet,
die Welt wird lustig.

Die Feinde werden geschlachtet,
die Welt wird freundlich.

Die Bösen werden geschlachtet,
die Welt wird gut.

Nein! So eben nicht mehr! Das ist kein Weg. Nicht für Gott und nicht für die Menschen.

Die Schöpfung bitet viele Möglichkeiten, die Mittel zum Leben zu erarbeiten. Vieles ist möglich, um Saat und Ernte effektiver zu gestalten. Technik hilft zum Leben und Überleben. Aber es gibt Punkte, an denen sich Wirtschaft, Politik und Technik gegen das Leben richten. Es ist unsere Aufgabe, diese Punkte zu erkennen. Es ist unsere gemeinsame politische und kulturelle Aufgabe, diese Punkte zu beschreiben und unsere Zukunft danach zu gestalten. Wirtschaften im Dienst des Lebens bedeutet Grenzen zu erkennen und zu respektieren. Es bedeutet Grenz – Werte festzulegen. Grenz – Werte im technischen aber auch im ökonomischen und politischen Sinne. Der durchschnittliche CO2 Ausstoß eines PKWs. Grenzenfür die internationalen Finanzmärkte, die verhindern, das Wirtschaftsssysteme heißlaufen und kollabieren. Armutsgrenzen, die markieren wann Menschen Hilfe brauchen. Um Technik, Wirtschaft und soziales Leben angemessen gestalten zu können, brauchen wir ein „menschliches Maß“, das markiert, wo unser Tun lebensfeindlich wird. Auch daran erinnert der Regenbogen als Zeichen des Bundes Gottes mit den Menschen.

Gott will das nicht wieder tun! Aber manchmal, wenn mir die aktuellen Nachrichten auf’s Gemüt gehen, habe ich die Phantasie, dass seine Nerven wieder blank liegen könnten. Er muss ja gar nicht aktiv vernichtend eingreifen. Er brauchte sich ja nur abwenden. Das Vernichtungswerk schaffen die Menschen auch allein. Dunkle Gedanken an dunklen Tagen. Aber da ist ja nicht nur der Respekt vor dem Leben, der uns helfen kann, unsere Verantwortung im Umgang mit der Schöpfung ganauer zu bestimmen. Sondern da ist auch das Leben selbst, das man in der Schöpfung Gottes erkennen kann. Diese Lebendigkeit und dieser Lebenswille in der Schöpfung ist ein Ankerpunkt für die Hoffnung, dass Gott sich nicht abwendet. „Denn wir sind gerettet aber auf Hoffnung hin!“ – konnten wir in der Lesung aus dem Römerbrief hören.(Röm8) Eine Hoffnung, die die Ganze Schöpfung durchzieht und die auch uns trägt.


Dieter Rothardt

 

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