Predigt zur Ausstellung "Rosenstraße 76"

Jesaja 1, 10 - 17

Höret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unsres Gottes, du Volk von Gomorra! Was soll mir die Menge eurer Opfer?, spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke. Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor mir - wer fordert denn von euch, dass ihr meinen Vorhof zertretet? Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlung mag ich nicht! Meine Seele ist Feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin's müde, sie zu tragen. Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut. Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen! Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache!

Ich suche Distanz zu diesem Text. Er ist für meine Ohren schwer erträglich. Seine Bilder sind kaum auszuhalten. Jesaja spricht im Namen Gottes zu Menschen, die in den Trümmern ihres bisherigen Lebens sitzen. Ihre Stadt ist vernichtet. Schutt und Asche. „Wohin soll man euch noch schlagen?“ – heißt es einige Verse vorher. Und es scheint klar: Diese Situation ist das Ergebnis ihrer eigenen Respektlosigkeit und Unmoral. Gott hat gestraft. Gott hat vernichtet. Er hatte die Macht dazu. Er hatte allen Grund dazu. Die Adressaten der prophetischen Rede sind das Opfer eines Strafgerichts: „Ihr Menschen von Sodom, du Volk von Gomorra!“

Diese dunkle Seite Gottes macht mir schon Mühe. Gott ein Täter mit der Moral auf seiner Seite. „Ihr Menschen von Sodom, du Volk von Gomorra!“ – Ein moralisch gerechtfertigtes Kaputtdonnern des Bösen steht mir vor Augen.

Es hilft ein wenig, sich daran zu erinnern, dass die Adressaten der Rede des Jesaja nicht die Bewohner der genannten Städte aus Abrahams Zeiten waren. Jesaja spricht zur Oberschicht im antiken Israel. Er spricht zu den Gebildeten, zu denen er selbst gehörte. Und es ist nicht klar, ob er hier eine bereits geschehene politische Katastrophe vor Augen hat oder ob er hier „nur“ drastisch überzeichnet. Wäre es so, läge hier ein rhetorischer Kunstgriff des Propheten vor. Seine Botschaft würde dann lauten: „Hört zu! Wir sind schon das Opfer eines solchen Strafgerichts wie über Sodom, auch wenn ihr es noch nicht merkt. Eigentlich sitzen wir schon auf der Asche unserer Städte, auf den Trümmern unserer Zivilisation. Unsere zerstörte Beziehung zu Gott lässt sich nicht reparieren. Durch kein Ritual, durch keinen Kult, durch keine andere vergleichbare Anstrengung: „Euer Räucherwerk ist mir ein Greuel!“ Die Lage ist ein Desaster. Es gibt keinen Ausweg.

Einige Ausleger trauen auch der Kraft ethischer Anstrengung an dieser Stelle nichts zu. Der letzte Vers könnte dieses ja nahe legen: „Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen! Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Weisen Recht, führet der Witwen Sache!“ – Wir sind es gewohnt, so zu denken. Gerne halten wir den ethischen Appell für den Königsweg aus dem Desaster. Gerne sind wir bereit zu glauben, der Ruf, Gutes zu tun, würde die Welt tatsächlich schon verbessern. Folgt man aber der Sichtweise einiger Ausleger, dann war es nicht das Ziel des Propheten, zu Buße zu rufen. Vielmehr ging es ihm darum, ein mit großer Wahrscheinlichkeit eintretendes politisches Unheil zu erklären. „Dieser Interpretation zur Folge sind selbst scheinbar unkomplizierte ethische Mahnungen … nicht recht das, was sie zu sein scheinen.“ Sie sind eigentlich Aussagen darüber, was die Menschen hätten tun müssen, um das Unheil abzuwenden. Dieses hatten sie aber schon verweigert, als der Prophet sprach. Jesaja ging es also darum, eine aus seiner Sicht unabwendbar bedrohliche Zukunft zu verstehen und zu erklären. Aus unserer vor allem ethisch interessierten Perspektive wirkt dieses wie ein aufwendig ausgeschmückter Fatalismus.

Ich hatte Distanz zu diesem Text gesucht – Jetzt habe ich sie. Er beginnt zu schweigen. Er schweigt jetzt – und wird damit in eigentümlicher Weise seinem Thema gerecht. Denn das Thema dieses Textes ist Gewalt. Die Gewalt, die offenbar wird, wenn eine Gesellschaft aus den Fugen geht. Die Gewalt, die durch Korruption und Selbstsucht entsteht. Die Gewalt hinter der glitzernden Fassade von Festen und Feiern. Die Gewalt, die daran sichtbar wird, wie es den Schwächsten in der Gesellschaft ergeht. Witwen und Waisen als Synonym für die, die wirtschaftlich im Abseits stehen und deren Abhängigkeit sie leicht zum Spielball derer macht, die nur ein klein wenig mächtiger sind. Und dahinter das Bild eines gewalttätig strafenden Gottes.

Dieser Text ist so dicht angefüllt mit Gewalt, dass es gut ist, wenn er einen Augenblick schweigt. Es ist gut, einen Augenblick auf dieses Schweigen zu hören, um darin das Schweigen derer zu hören, die angesichts erlebter Gewalt nur schweigen können. Der Text schweigt, wie die Menschen, die von Gewalt traumatisiert sind. Schweigend steht er für ein emotionales schwarzes Loch. Er steht für die Funkstille der Gefühle, wie ich sie immer wieder erlebe, wenn in der Seelsorge Traumatisierungserfahrungen an die Oberfläche kommen. Da, wo Gewalt war, ist ein emotionaler Aschehaufen. Nicht nur Sprachlosigkeit. Alle emotionale Energie scheint an diesem Punkt verloren. Eine Leere, die sich durch Beredsamkeit nicht auffüllen lässt. Nicht nur die Betroffenen, auch andere können das spüren.

Eine solche Art von Sprachlosigkeit steckt auch im Anfang des Jesajabuchs. Und um dem nachzugehen, will ich diesen Text noch einmal aus der Perspektive derer, die Gewalt leiden oder gelitten haben, lesen. Ich will versuchen noch einmal neu in dieses Schweigen hinein zu hören. Drei Motive zeichnen sich für mich ab. Dazu drei kurze Skizzen.

Das erste Motiv: Gewalt im Namen von Anstand und Moral. Wenn Anstand Gewalt legitimiert. Dieser Zusammenhang tritt häufig zu Tage. Da wird politische Aggression als Kampf gegen das Böse legitimiert. Da werden Sündenböcke gesucht, um sich einer unbequemen Realität nicht stellen zu müssen. Da wird Gewalt gegen Kinder als Erziehung ausgegeben. Da werden Frauen geschlagen, damit sie „anständig“ werden. Da wird Männern das Leben zur Hölle gemacht, weil sie ja doch nichts taugen. Welches Motiv auch immer noch eine Rolle spielt – beständig wird der Versuch unternommen, das eigene Verhalten als Ausdruck einer moralisch gutwilligen Haltung darzustellen. Alles geschieht aus der Sicht der Täterinnen und Täter im Einklang mit einer Weltordnung, die Gewalt zu ihrer Aufrechterhaltung zulässt bzw. erfordert. Selbst ausgeklügelte Unterdrückungssysteme kommen nicht ohne solche Begründungen aus. Symbolisch dafür klingen mir die letzten Worte im Ohr, die Erich Mielke als Minister für Staatssicherheit gesagt haben soll: „Ich liebe euch doch alle…“

Fatal wird es, wenn Täter und Opfer eine gemeinsame Sicht der Welt teilen. Gemeinsame religiöse Vorstellungen, gemeinsame Auffassungen von Stolz und Wert der Familie. Fatal ist es, wenn die Opfer dann glauben, das was ihnen geschieht, geschieht ihnen zu recht. Fatal ist es, wenn sie so in dieser Gedankenwelt eingeschlossen sind, dass Widerstandskraft und Lebenswille daran ersticken. Dann bleibt nur das Schweigen.

Sie haben es vielleicht gemerkt: Die dunkle Seite Gottes, mit der ich zu Beginn schon meine Schwierigkeiten hatte, verdunkelt sich aus dieser Perspektive noch weiter. Das Bild wird schillernd. Gott auf der Seite der Täter? Unversehens ist unser Denken selbst in diesem Sog, an dessen Ende ohnmächtiges Schweigen steht. Gott hat eine dunkle Seite, aber er steht nicht auf der Seite der Täter. Gott hat eine dunkle Seite, und sich ihr zu nähern, ist gefährlich. Das wussten die, die sich mit der Heiligkeit Gottes beschäftigt haben. Das wissen die, die seiner Heiligkeit nachspüren. Faszinierend und erschreckend zugleich ist diese Seite Gottes. Gott selbst will hier Distanz und gebietet Abstand. Das etwas altmodische Wort „Gottesfurcht“ beschreibt diesen respektvollen Abstand. Aber Gott will auf keinen Fall, dass wir daraus „Menschenfurcht“ machen. Er will nicht, dass wir seinen Namen missbrauchen, um einen Moralismus zu begründen, der andere quält. Ein solcher Moralismus kann sich nicht auf Gott berufen. Nicht auf den Gott der Juden, nicht auf den Gott der Christen, nicht auf seine möglichen Offenbarungen in anderen Religionen.

Das zweite Motiv: Gemeinsam auf dem Scherbenhaufen. Gemeinsam auf der Asche von Sodom und Gomorra. Dieses Bild hat Jesaja in seiner Anrede vor Augen. „Ihr Menschen von Sodom …“ – „Wir sitzen schon auf den Trümmern unserer Zivilisation!“ Zu bedenken ist dabei, dass in den genannten Städten nicht nur Täter lebten, sondern auch die Opfer. Und dann bedeutet seine Rede: „Eigentlich sitzen wir schon auf dem gleichen Scherbenhaufen, wie die, die durch unser Tun zu Opfern geworden sind.“ Viele Bilder von Konflikten, die zu blinder Zerstörung eskaliert sind, zeigen dieses. Vor 90 Jahren ging der erste Weltkrieg zu Ende. Mit ihm hatte die „moderne“ Kriegsführung angefangen. Er war der Beginn massenmordender Materialschlachten. Aber auch in kleineren sozialen Systemen erzeugen eskalierende Konflikte einen gefährlichen Sog. In der Arbeit mit Tätern und Opfern häuslicher Gewalt wird dieses häufig sichtbar. Da hat sich ein Familiensystem massiv  mit Gewalt aufgeladen. Aber es gibt keine klaren Antworten mehr auf die Frage: Wer hat angefangen? Wer ist Täter? – Wer ist Opfer? Nur eins ist klar: Von dem Scherbenhaufen, der hier angerichtet wurde, steigt keiner als Sieger herunter. Bei genaurem Hinsehen werden die Grautöne sichtbar. Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Jeder muss seinen Weg finden, um vom Scherbenhaufen herab steigen zu können. Auf diesem Weg müssen erlittene Verletzungen identifiziert werden, damit sie behandelt werden und ausheilen können. Das gilt für körperliche Verletzungen, aber auch für seelische, für Verletzungen des Ehrgefühls und erlittene Beschämungen. Der Weg vom Scherbenhaufen herab ist vor allem aber auch ein Weg in die persönliche Verantwortung. Aus der Erfahrung der Ohnmacht heraus wieder handlungsfähig werden, wieder Verantwortung für sich selbst übernehmen können. Und vor allem als Täterin oder Täter zu den eigenen Taten stehen. Den eigenen Teil an Verantwortung tragen für das was geschehen ist. Opfer und Täter können dabei unsere Begleitung erwarten.

Das dritte Motiv: Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache! – Dahinter steckt mehr als der Versuch, eine beschädigte Zivilisation durch Mildtätigkeit reparieren zu wollen. Es ist ein Perspektivenwechsel der Ethik. Es geht darum, immer wieder danach zu fragen, welche Konsequenzen unsere Entscheidungen für die Schwächeren haben – und diese Perspektive in unsere Entscheidungsfindungen einzubauen. Aber nicht so, dass am Ende nur Zögern und Abwarten steht. Nach dem alten Motto: „Wer viel arbeitet macht viele Fehler, wer wenig arbeitet macht wenig Fehler und wer keine Fehler macht …“ Vielmehr geht es darum, die Sicht auf die Konsequenzen für die Schwächeren in eine lebendige Gestaltung des Zusammenlebens einzubauen. Es gilt, sich bewusst zu machen, dass auch verantwortliches Tun eine Schattenseite hat. Unsere Entscheidung für Biokraftstoff aus nachwachsenden Rohstoffen führt zu ausgedehnterer Plantagenwirtschaft in Übersee zu Lasten der Kleinbauern dort. Eine Schulpolitik, die auf Ausgrenzung der Schwächeren setzt, bedarf der Korrektur.  In ein Gesundheitssystem, dass zunehmend nur den wirtschaftlich Starken nutzt, müssen neue Formen der Solidarität eingebaut werden. Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Zur Fürsorge für Benachteiligte kommt die Solidarität mit den Schwächeren als gesellschaftspolitisches Gestaltungsprinzip unverzichtbar hinzu.

Aber bei denen, die verantwortlich ihr Leben gestalten wollen, in der Politik, im Beruf, in ihrer Familie und in ihrem Privatleben kommt aus dieser Perspektive noch etwas weiteres hinzu. Es ist die Sensibilität für die Schatten, die das eigene Tun trotz aller Verantwortung wirft. Es ist die Achtsamkeit auf die Menschen, denen man nun gerade nicht gerecht werden kann.  Es geht um diesen toten Winkel des eigenen Tuns, in dem das Gute für den anderen oder die andere zur Gewalttat werden kann – trotz bester Absicht, trotz aller Rücksichtnahme.

Um diesen toten Winkel des eigenen Tuns erreichen zu können, ist es nötig die eigene Schutzbedürftigkeit zu entdecken und zu akzeptieren – und die Panzer, die man zum Schutz seiner Seele, seines Körpers, seiner Identität angelegt hat, abzurüsten. Es ist der Mut zur Schutzlosigkeit, der Begegnung mit den Menschen im toten Winkel des eigenen Tuns möglich macht.  Dabei entsteht eine Haltung, die der Gewalt nicht mit weiterer Aufrüstung begegnet sondern Begegnung sucht.

Dieses gilt für die kleinen Kränkungen und Achtlosigkeiten im Alltag. Dieses gilt aber auch für massive Gewaltverstrickungen anderer Art. Dieses gilt auch für Situationen häuslicher Gewalt, mit denen wir in Berührung kommen. Konflikte laden sich schnell mit Gewalt auf. Diese Gewalt erzeugt ein Kraftfeld und einen Sog. Dann gilt es, nicht wegzusehen, sondern Opfern und Tätern Hilfe zu bieten.

Die Ausstellung „Rosenstraße 76“ ist eine Herausforderung beim Thema häusliche Gewalt das Hinsehen einzuüben. In diesem Zusammenhang hat der Blick auf das erste Kapitel des Jesajabuches darauf aufmerksam gemacht, dass häusliche Gewalt verbunden ist mit Gewalterscheinungen auf anderen Ebenen des sozialen Lebens. Die Erhöhung der Kontraste, die Einteilung der Welt in Gute und Böse verhärtet die Lage und führt in die Eskalation. Und so geht es am Ende darum, die Perspektive der Opfer so in unsere Sicht der Dinge einzubauen, dass nicht neues Schwarz-Weiß-Denken entsteht, sondern Opfer und Täterinnen und Täter ihren Weg zurück ins Leben finden können.