Jahreslosung 2010

Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht. Glaube an Gott und glaubt an mich.
(Johannes 14,1)

Als wir Kinder waren, haben wir uns einen Spaß damit gemacht, andere zu erschrecken. Knallende Brötchentüten, kaltes Wasser hinterm Kragen, unheimliche Geräusche in der Nacht. Später hörte der Spaß mit dem Schreck auf. Im Laufe des Lebens häufen sich Erfahrungen, wo man froh ist, mit dem Schrecken davon gekommen zu sein. Situationen, in denen das Herz erst fast stehen geblieben ist und dann rasend weitergeschlagen hat.

Wenn in der Bibel vom Herz die Rede ist, geht es aber nicht nur um das leibliche Organ. Es geht immer auch um den Kern der Person. Das Herz ist in biblischer Sicht Mittelpunkt des Menschen, seines Körpers, seines Geistes, seiner Seele und seines Willens. Ein Herz, das erschrickt – dabei geht es um mehr als um den erhöhten Puls nach dem Knall einer alten Brötchentüte. Es ist die Erfahrung, dass der Körper aus dem Gleichgewicht ist, die Seele unruhig umherschweift und der Wille matt und ziellos geworden ist. Und in diesem Sinne kann auch der Verstand erschrecken – z.B. an den Bildern und Nachrichten über das, was Menschen mit Menschen machen.

Schreck – das ist eine Erinnerung daran, wie zerbrechlich unser Leben ist. Als Jesus diese Worte gesagt hat, war er dieser Erfahrung ganz nahe. Dass jemand ihn verraten würde, hatte er gerade offen angesprochen. Und ihm war klar, wie wenig tragfähig die Treueschwüre seiner Freunde sein würden. Der Weg, der ihm bevorstand, würde auch ihn erschüttern.

Wenn wir diese Worte Jesu heute hören, kennen wir die ganze Geschichte. Von Ostern her gesehen bedeutet der Schrecken nicht das Ende. Nach dem Schrecken ist Leben. Wir müssen nicht durch jeden Schrecken hindurchgehen, um die Erfahrung zu machen, dass Gott uns trägt. Dieser Glaube führt uns in eine gelassene Distanz gegenüber denen, die uns Bange machen und mit unseren Ängsten Politik und Profit machen wollen. Er führt in Widerspruch zu denen, die mit Zynismus und leerer Rede unseren Verstand erschrecken. Und er führt uns zu einer Haltung, die unseren Körper wertschätzt und ihn im Gleichgewicht zu halten sucht. Dieser Glaube ist die Erfahrung, dass Leben möglich ist.

Dieter Rothardt