Münsterländer Männer und Frauen in Nadeshda

 

Im September 2008 war wieder eine Gruppe von elf Männern und Frauen aus dem Münsterland in Nadeshda. Jürgen Tebbe aus Nordwalde war zum ersten Mal dabei und hat seine Eindrücke in einem Tagebuch festgehalten. Hier ein Auszug daraus:

 

Vom 15. bis zum 28. September fuhr ich mit Frauen und Männern aus Westfalen nach Nadeshda, einem Ort in Weißrussland. Hier wurden im Laufe von 14 Jahren, auch durch Mithilfe der westfälischen Männerarbeit sehr gute Bedingungen für eine erfolgreiche Kurbehandlung der Kinder aus dem Strahlenbereich von  Tschernobyl geschaffen.

Etwa 350 Kinder werden pro Aufenthaltsperiode betreut und weitere  ca. 150 in einem Sommerlager am See.

Es gab uns die Gelegenheit, nicht nur Geld, sondern uns selber zu senden und damit einen kleinen Mosaikstein zur Völkerverständigung und Versöhnung zu schaffen.

Die nachfolgenden zwei Tage stehen als Ersatz für ein Tagebuch, welches eine wunderbare, eindrucksvolle Zeit für die Arbeit vor Ort, sowie die tiefen Gefühle, die mich persönlich sehr geprägt haben, widerspiegelt.

 

Samstag den 20.09

Nach dem Frühstück stiegen wir sofort in die zwei Bullis (der von Nadeshda hatte noch die ursprüngliche Aufschrift vom Männerwerk) und fuhren in Richtung Chatyn. 

Der Weg dorthin führte durch Dörfer, deren Häuser vorwiegend aus Holz bestanden und oft sehr bunt angestrichen waren. Fast alle Dächer wurden durch eine Eternitwelle gedeckt. In vielen Gärten waren Obstbäume, vorwiegend mit Äpfeln, zu sehen, die reichlich voller Früchte hingen. Auch einige, allerdings bereits verlassene, Storchennester auf diversen Strommasten oder Häusern konnte man erkennen. Alles auf dem Land wirkte bei der flüchtigen Vorbeifahrt sehr ärmlich. Um die Wasserversorgung mit ausreichendem Druck zu gewährleisten, ragte aus jedem Dorf ein Wasserturm hervor. Das Stromnetz war überwiegend über der Erde mit einfachen Holzmasten installiert.

Nachdem wir Pleschzenief, eine kleine Stadt, durchquert hatten, erreichten wir nach weiteren 10 Minuten Chatyn.

 

Es geschah am 22. März 1943. Nachdem die SS-Männer und Polizisten im Dorf angekommen waren, kreisten sie es ein. Die Einwohner des Dorfes wussten nichts davon, dass die Kraftwagenkolonne der Deutschen am Morgen 6 Kilometer vor Chatyn beschossen wurde und infolge des Angriffs ein deutscher Offizier getötet wurde. Das Todesurteil wurde von den Deutschen an den unschuldigen Menschen gefällt. 149 Einwohner des Dorfes von Klein bis Groß — Alte, Frauen, Kinder — wurden aus den Häusern geholt und in eine Kolchosscheune getrieben und diese angesteckt. Als einziger Erwachsener überlebte der 56-jährige Dorfschmied Josef, er kam trotz Verbrennungen und Kolbenhieben spät in der Nacht zum Bewusstsein, als die Deutschen bereits aus dem Dorf waren. Er fand seinen schwer verletzten Sohn und der Junge starb in den Armen seines Vaters.

 Da Helene als Russischübersetzerin eine hervorragende Figur abgab, schloss ich mich ihr mit Rosi und Maria an. Es ging vorbei an einem 100 m langen Begonienfeld, das sich rot vor dem tristen Umfeld abhob. Dann erreichten wir das riesige, 6m hohe Denkmal, das Josef den Dorfschmied darstellt, der seinen toten Sohn in Händen hält. Sein Gesicht drückt die ganze Verzweiflung und Ohnmacht eines Vaters aus, der seinen Sohn durch Willkür verloren hat. Auf dem ganzen Areal waren an den Stellen, wo vor dem 22. Mai 1943 die Häuser standen, kleine Betonrahmen mit Betonschornsteinen, symbolisch für die nach dem Abbrennen der Häuser übrig gebliebenen Steinschlote, an deren Spitzen jede Minute eine Glocke anschlug. Der Klang gab einen Eindruck von der Weite des Areals. Nur sechs Personen überlebten. Außer Josef, dem Schmied, ein kleines Mädchen, deren Mutter sich bei der Flucht aus der Scheune, bei der sie erschossen wurde, auf sie warf, sowie zwei Mädchen, die sich aus der Scheune retten und in den Wald kriechen konnten, wo sie später von benachbarten Dorfbewohnern schwer verletzt gefunden wurden.

An jedem Schornstein der Häuser waren auf einem Bronzeschild jeweils die Namen der ehemaligen Bewohner aufgeführt. Ganz oft Kinder zwischen 2 und 10 Jahren. An einer Gedenktafel stand, dass in Weißrussland insgesamt 2,23 Millionen Menschen durch den Krieg ums Leben gekommen sind. In der weiteren Flucht des Eingangs war eine lange Betonwand errichtet, in der Lücken eingebaut waren. Den Rückraum der jeweiligen Lücke bildete eine Bronzetafel, versehen mit dem Namen einer Stadt, dem jeweiligen Kreis und den entstandenen Toten.

Fast immer ist eine Drittel der Einwohner der großen Städte zu Tode gekommen. Auf der anderen Seite war ein geschlossenes Feld aus Betonrahmen, deren Diagonalen aneinander stießen und deren Rautenform die Städte und Dörfer der jeweiligen Bezirke symbolisierten. Am Ende dieses Feldes befand sich eine große, ewige Flamme, an deren Fuß frische Nelken abgelegt waren. Jeweils zwei als Symbol des Todes. In den Lücken der Betonwand befanden sich viele frische Blumensträuße, denn die Hinterbliebenen haben keinen anderen Ort, an dem sie ihre verstorbenen Verwandten besuchen können. Helene hat den ausschließlich russischen Text, der durch erhabene Bronzebuchstaben gebildet wurde, sehr ausführlich übersetzt und meine Augen wurden feucht in dem unbeschreiblichen Gefühl des Scharmes, der Ohnmacht und der Trauer, die in dem Augenblick in mir aufstiegen. Zum Schluss kam die geschriebene Bitte, Friede zwischen den Völkern zu festigen. Vor diesem Hintergrund kam mir die Gastfreundschaft und Großzügigkeit von Tania und Sergey umso unerklärlicher vor. Ich kaufte noch eine CD in Deutsch, das Einzige, was als Dokumentation in deutscher Sprache verfügbar war.                             

Montag den 22.09

Nach einer kurzen Nacht und einem guten Frühstück ging es wieder an die Arbeit. Uwe hatte die vorbereitete Treppe vom Gästehaus, ich die fertigen Kanthölzer, die vor der Tischlerei lagerten, mit Grundierung gestrichen. Zwischendurch habe ich mal bei Klaus, Helene und ihrem Vorarbeiter Sascha vorbeigeschaut, die mit Findlingen eine kleine Ruhezone hinter dem Gästehaus kreierten. Dabei gab mir Klaus die Info, dass wir (er, Manfred und ich) am nächsten Tag zu Sascha eingeladen seien. Helene klagte an ihrer Harke, mit der sie das Moos aus dem Untergrund zerrte, dass es keinen maschinellen Vertikutierer bei so einer großen Einrichtung geben würde.

    Als ich wieder bei „meinen“ Kanthölzern war, machte Günter eine kleine Visite (als Pause von seiner Schlossertätigkeit: Rolltor im Gärtnereibereich) bei uns. Gegen 1245 waren die Bretter gestrichen.

 Zum Essen gab es Kohlsuppe und Hähnchen mit Reis und Gemüse.

Anschließend hat Uwe sich um die Treppe gekümmert und ich habe unsere Kanthölzer mit schwarzer Farbe grundiert. Als er dann dazu kam, ging es deutlich schneller und nachdem die Hölzer grundiert waren, haben wir Rosi und Maria im Feld bei der Bohnenernte besucht. Zunächst ging es vorbei am Geräteschuppen, an dem Günter mit seinem „Chef“ gerade an dem Rolltor arbeitete (Flexen und Schweißen). Die Frauen waren erst nicht zu sehen, so weit entfernt arbeiteten sie. Als wir dann endlich bei ihnen ankamen, sahen wir, wie schwierig ihre Arbeit war. Die Bohnen waren vom Unkraut total überwuchert und man musste die Pflanzen durch Auseinanderbiegen des Unkrauts mühselig suchen. Wenn ein Büschel zusammen war, wurde der „Strauß“ am Rand abgelegt. Die landwirtschaftliche Abteilung hatte nur drei Leute und das ist ganz einfach zu wenig für die riesigen Flächen.

Wieder an der Tischlerei angekommen, wurden die restlichen Kanthölzer gefast, abgefegt und anschließend grundiert. Um 1700 konnten wir Feierabend machen, da alles erledigt war und ein Neuanfang nicht mehr lohnte.

So habe ich erst mal etwas gelesen. Nach dem Abendbrot haben wir erst bei den Frauen unsere Lieder für das Jubiläum ( eines in Russisch, eines in Deutsch) gelernt.

 Manfred rief schon früh zum Pochen. Er hatte zuerst eine sagenhafte Glückssträhne, aber dann schwand sie und kam zu mir. Der sympathische Vladimir, ein Student aus der Nähe von Moskau, der sich zu unserer Gruppe gesellt hatte, der zuerst viel Pech hatte und am Vortag gewonnen hatte, holte zum Schluss mächtig auf und konnte seine Schulden gänzlich tilgen. Günter, der das erste Mal mitspielte, hatte das Pech des Anfängers. Ich trank russisches Bier dabei. An die Flasche war mit Filzstift in großen Lettern 1490 Rubel (50 Cent) geschrieben, von der Preisgestaltung für uns undenkbar.

Jürgen Tebbe