Monatsspruch November

Vor einem Jahr war ich zu einer orientalischen Hochzeit eingeladen. Hier in der Nähe. Es war ein Erlebnis: Hunderte von Menschen, die vor der Festhalle auf das Brautpaar warteten. Festlich gekleidet, Frauen in langen, bunten Gewändern, auffällig geschminkt, die Haare gestylt. Alle reckten Kopf und Hals, jeder wollte das Brautpaar zuerst gesehen haben. Dann auf einmal der Klang von Trommel und Flöten. Dahinter das Paar. Die Gäste begannen zu jubeln, wedelten mit Palmenzweigen, tanzten im Spalier. So ähnlich stellt sich der Schreiber dieses letzten Buches der Bibel, der sich selbst Johannes nennt, die neue Welt vor: Von Gott bereitet, aus dem Himmel herabkommend. Geschmückt, von Trommelwirbel und Jubel umgeben. Hochzeiten - das sind wirklich Hoch-Zeiten. Auch hier bei uns. Wenn Eltern die Fotos ihrer frisch vermählten Kinder auf dem Handy herumzeigen... dann glänzen die Augen vor Stolz und Freude. So viel Grund zur Freude hatte Johannes damals nicht.
Seine Schreiben geht an sieben Gemeinden in Kleinasien, die vom römischen Kaiser verfolgt werden. Die ihren Glauben nicht öffentlich zeigen können. Tief-Zeiten durchlitten sie. Keine Hoch-Zeiten.
Mitten in die Angst, die Unterdrückung, die Sorge hinein, schickt Johannes seine Vision: "Verliert nicht den Mut. Gott hat eine andere Welt versprochen. Gott hat eine andere Welt im Sinn. Es gib0 twieder Frieden und Schutz, wie hinter den Mauern der heiligen Stadt Jerusalem. "Haben diese Bilder die Kraft zutrösten? Jetzt im Monat November, in dem wir oft mit Schmerz unsere Toten erinnern? Jetzt in Damaskus, Kabul oder auf den Booten im Mittelmeer? Wenn es leere Worte wären, dann wohl kaum. Aber es sind mehr als Worte: Da stehen Erfahrungen hinter. Erfahrungen mit Gott. Erfahrungen mit anderen Menschen: Dass wir beschenkt werden, wie aus heiterem Himmel, mit Freude, mit Glück, mit einer Person, die unsere Tränen trocknet, mit Gesetzen, die Leben ermöglichen, mit Helfern in Flucht und Vertreibung. Deshalb ist das möglich. Auch in schweren Zeiten: Zu hoffen, zu glauben, zu lieben.
Antje Rösener

Jahreslosung 2018

"Wat nix kostet, dat kann auch nix sein!" Ein geflügeltes Wort. Es drückt aus: Was es umsonst gibt, das kann auch nicht viel wert sein. Wofür wir nichts investieren müssen, damit kann es auch nicht viel auf sich haben. Und dann auch noch Wasser. Wenn uns hier Champagner angeboten würde oder ein leckerer Rotwein oder wenigstens ein kühles Pils... aberWasser... Alltäglicher geht's doch nicht. Unspektakulärer hat kaum einer je für sich geworben. Die Jahreslosung kommt auf den ersten Blick daher wie der gute alte ärztliche Rat, der uns immer ein bisschen auf den Geist geht: "Trinken Sie ausreichend! Und am besten Wasser!"
Ich werfe einen zweiten Blick auf den Satz. "Den Durstigen geben... von der Quelle." Und frage mich - und Sie: Sind wir eigentlich noch durstig? Dürstet es uns noch - und nicht nur nach einem Getränk, sondern... nach Leben? ... nach Liebe? ... nach Sinn? Wonach - und jetzt rede ich nicht überein Schnitzel mit Pommes - hungert es uns und wonach - und jetzt denkeich nicht an eine eisgekühlte Cola -dürstet es uns?
Gott verteilt nicht beliebig und nicht mit der Gießkanne vom lebendigen Wasser, sondern er verheißt es den Durstigen. Er verheißt es denen, die noch nicht satt und träge und abgebrüht sind. Er verheißt es denen, die sich nicht daran gewöhnen wollen,dass Menschen verdursten in vielen Regionen dieser Welt oder ertrinkena uf ihrer gefährlichen Fahrt übers Wasser. Er gibt es denen, die tatendurstig der Liebe Gottes in dieser Welt eine Chance einräumen. Er gibt es denen, die ausharren bei jenen, die taumeln auf den Durststrecken des Lebens. Lebendiges Wasser ist Lebensmittel für die Seele, Erfrischung für den Geist, Stärkung für die Herzen.
Als Läufer kommt mir unser Leben wie ein langer Lauf vor. Ein langer Lauf zu mir selbst. Ein langer Lauf zu Gott. Auch wenn andere an unserer Seite sind: Laufen müssen wir alleine. Den Weg nimmt uns keiner ab und das Ziel ist weit. Aber Gott ist wie einer der vielen Freiwilligen an den Verpflegungsstationen: Er erwartet uns, wenn wir angelaufen kommen. Schaut uns freundlich an. Ruft uns ein aufmunterndes Wort zu. Und reicht uns einen Becher Wasser umsonst. Köstlich.

Martin Treichel, Landesmännerpfarrer der Evangelischen Kirche von Westfalen

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Sarah Wittfeld
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