Montasspruch Dezember

In der Dämmerung betrete ich die Kirche. Erst nach einiger Zeit bemerke ich, dass ich nicht allein bin. Ganz vorne sitzt ein Mann, in sich zusammengekauert. Beim Schein der einzigen Kerze des Fürbittenleuchters sitzt er dort, im inneren Gespräch vertieft. Irgendwann bemerkt er mich dann und erzählt mir seine Geschichte. "Eigentlich habe ich mit der Kirche nichts zu tun gehabt", berichtet er. Doch dann sei seine Tochter verunglückt und über ihn habe sich tiefe Nacht ausgebreitet. "Da ging garn ichts mehr und das Schlimmste: Wer sollte mich da verstehen, mir nachempfinden können?"

Eines Tages sei er an dieser Kirche vorbeigekommen. Dieser Mensch da vorne am Kreuz voller Schmerzen zog ihn unwiderstehlich an. Der müsse doch auch dunkelste Nacht erlebt haben und zugleich war er Gottes Sohn. Wie muss Gott gelitten haben! Nur so ein Gott könnte ihn verstehen: ein Gott, der mit uns leidet. Der da, wo alles dunkel und hoffnungslos ist, uns Menschen nah ist. "Auf einmal konnte ich glauben, dass meine Tochter nicht allein ist und ich selbst war es in diesem Moment auch nicht mehr."

Seitdem kommt er immer wieder her. Zum Beten, weil er dann Gott ganz nah bei sich spürt. Und er hat dadurch Worte für seine Trauer gefunden und kann ganz langsam wieder nach vorne schauen.

Bei uns gibt es viele Gründe für Dunkelheit: Krankheit, Probleme in Beziehungen, im Berufsleben, Armut, Flucht und Heimatlosigkeit. Jesaja spricht zu einem ganzen Volk im Dunkeln. Im Exil in Babylon hatte sich Hoffnungslosigkeit bei den Menschen des israelischen Volkes breit gemacht, fern der Heimat, ohne Perspektive. "Vertraut Gott, verlasst Euch auf ihn!" ruft ihnen Jesaja zu. Was hier noch als Aufforderung klingt, kommt uns vielleicht bald in den Weihnachtstexten spürbar nah: "Das Volk, das im Finstern wandert, sieht ein helles Licht." (Jes 9,2) Deswegen können wir Weihnachten feiern. Der Theologe Paul Tillich hat das einmal so formuliert: "Der Mut zum Sein gründet in dem Gott, der erscheint, wenn Gott in der Angst des Zweifels untergegangen ist." Lassen wir uns da von Gott berühren,wo es am dunkelsten bei uns ist.

Iris Kessner

Jahreslosung 2019

Jahreslosung 2019: "Suche Frieden und jage ihm nach!" Ps 34,15

08. Mai 1945. Der letzte Kriegstag auf deutschem Boden liegt nunmehr bald 75 Jahre zurück. Als ein im Jahr 1968 in Deutschland Geborener habe ich in meinem Leben nicht einen Tag Krieg am eigenen Leib erlebt. Aber weiß doch nur zu gut, dass ich - im Weltmaßstab betrachtet - damit eine absolute Ausnahme bin. An keinem einzigen der etwa 28.000 Tage seit Mai 1945 haben weltweit die Waffen geschwiegen.
Immer neu bewahrheitet sich die Erkenntnis des Schriftstellers Günther Kunert: "Als der Mensch unter den Trümmern seines bombardierten Hauses hervorgezogen wurde, schüttelte er sich und sagte: Nie wieder. Jedenfalls nicht gleich." Und - Gott sei's geklagt- es sind immer wieder und vorallem Männer, die nicht den Frieden, sondern den Krieg suchen, die nicht dem Frieden nachjagen, sondern den Hass säen. Es sind, jahrhundertelang, dann aber auch die Männer selber gewesen, die am stärksten unter dem Krieg gelitten haben. Man ließ sie den "Heldentod" sterben, zurück blieben Söhne ohne Väter. Heute ist auch in Europa, auch in der westlichen Welt, das Risiko eines Krieges so hoch wie lange nicht. Und wieder sind es in erster Linie Männer, die die Konflikte befeuern. Wie kommt die Welt da raus? Und was kann unser Beitrag sein? Vor einiger Zeit stand ich staunend in einem der großen Tagungsräume in Haus Villigst und war umgeben von lauter Menschen, die es angeblich gar nicht gibt - von männlichen Erziehern. Es waren mehrere Dutzend, sie sind alle in Kindertageseinrichtungen tätig und machen dort eine Arbeit, die nicht hoch und wichtig genug eingeschätzt werden kann. Denn es sind nicht zuletzt die Kitas in unserem Land, wo Haltungen und Einstellungen geprägt und Rollenverhalten eingeübt wird. Männliche Erzieher, die den Jungen etwas davon zeigen, wie sie Männer werden können, ohne die Grenzen Anderer zu verletzen, ohne immer auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, ohne auf das Recht des Stärkeren zu setzen, das sind Schätze einer Gesellschaft und einer Kirche. Denn Frieden fällt nicht vom Himmel, sondern will gelernt sein.
Jeder Tag des neuen Jahres wird uns allen Gelegenheit geben, den Frieden zu suchen. Wie ich rede, wie ich mich im Straßenverkehr bewege, was ich konsumiere, was ich meide, welchen Ideen ich folge, was ich tue und was ich lasse - all das ist nicht egal, nicht gleich-gültig, sondern kann friedensstiftende Wirkung haben. Und was kann besser sein, als einem anderen Menschen am Anfang des neuen Jahres- und alle Tage wieder - zu sagen: "Friede sei mit dir."

Martin Treichel
Landesmännerpfarrer derEvangelischen Kirche von Westfalen

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Sarah Wittfeld
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